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Drillingsraum: In Ihrem Buch „Aus dem Nichts – Über die Kreativität von Natur und Mensch“ erweitern Sie den Begriff Kreativität auf Bereiche außerhalb des menschlichen Handelns. Wie sieht Ihre Definition von Kreativität aus? Dr. Gerd Binnig: Ich habe folgende Definition gegeben: Es ist die Fähigkeit zur Evolution. Evolution ist ein kreativer Prozess und damit ist die gesamte Natur kreativ. Es müssen aber noch die Elemente formuliert werden, die es braucht, um Evolution überhaupt möglich zu machen. Im Wesentlichen sind die Grundelemente dazu schon von Darwin definiert worden. Aber das war zu wenig, die haben wir ergänzt und ein wenig neu sortiert. Bei Darwin waren es die Veränderung und die natürliche Auslese. Die Geburt, genauer gesagt die Reproduktion, spielt auch eine große Rolle. Eine DNS, die sich nicht kopieren könnte, wäre nicht zur Evolution in der Lage. Dann gibt es noch den Tod, der ist auch eine wichtige Erfindung. Ohne das Objekt des Sterbens kann es keine Evolution geben. Die Neodarwinisten sprachen auch dem Begriff der Isolation noch eine große Bedeutung zu: Wenn eine Art etwas Neues entwickelt hat und sich wieder mit der alten Art mischt, dann ist der Fortschritt dahin. Deswegen ist es wichtig, dass die Art, die einen Fortschritt errungen hat, irgendwo anders |
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waren. Man nehme nur mal Mensch und Affe. Das ist ein Trick der Natur, um Arten voneinander zu isolieren, damit sie eigene Wege gehen können. Wir haben jetzt also folgende Elemente: Die Anzahl der Lebewesen wird über Tod und Geburt gesteuert. Vielfalt wird über Mutation und Selektion gesteuert: Mutation vergrößert die Vielfalt, Selektion verringert sie. Das nächste Element ist die Isolation, anders gesagt: Die Abstoßung von Dingen untereinander. Jetzt liegt es aber auf der Hand, dass sich Elemente auch anziehen können. Es muss also noch den Begriff der Attraktion geben. Das haben die Leute irgendwie immer vergessen. Durch die Attraktion wird alles revolutioniert, sie bewirkt zum Beispiel das soziale Verhalten. Das ist etwas, das bei Darwin immer kritisiert wurde: Alles war so brutal, man denke nur mal an den bekannten Satz „Nur der Stärkste überlebt“. Tiere und Menschen können aber auch kooperieren, etwas zusammen machen, das ist Attraktion. Ist die Attraktion groß genug, bilden sich Gruppen, und in den Gruppen: Hierarchien. Dadurch hat man etwas Mehrskaliges, das wir „Fraktalität der Evolution“ genannt haben. Evolution findet also nicht nur auf einer einzelnen Skala statt, sondern ist ineinander geschachtelt: Zellen durchlaufen eine Evolution in unserem Körper, gleichzeitig durchlaufen wir selbst eine Evolution, gleichzeitig durchläuft ein Land eine Evolution und so weiter. Alles ist ineinander geschachtelt. Aber die Prinzipien, nach denen all das abläuft, sind immer die selben. Drillingsraum: Wie würden Sie Kreativität also mit einem Satz umschreiben? Kreativität ist... Dr. Gerd Binnig: ... die Fähigkeit zur Evolution, und diese ist beschreibbar durch den fraktalen Darwinismus. Drillingsraum: Darf sich nicht jeder Mensch seine eigene Definition von Kreativität aufstellen? Dr. Gerd Binnig: Nein. Bei allen Sachen ist das so: Es kann nicht jeder einfach eine Definition für etwas aufstellen. Das heißt, das kann man schon machen, die Frage ist nur: Wird sie sich auch durchsetzen? Drillingsraum: Kreativität strukturieren Sie in Pyramiden: Unten die elementaren Wirkungselemente, oben die daraus zusammengesetzten Möglichkeiten. Wann hatten Sie zum ersten Mal den Gedanken an ein solches Kreativitätsmodell, und wie kamen Sie darauf? Dr. Gerd Binnig: Diesen Gedanken habe ich bewusst entwickelt, da ich den Prozess der Kreativität besser verstehen wollte. Manchmal hat man auch ein bisschen Glück. Ich bin damals bei einer Veranstaltung einem Professor Rieves aus Frankreich begegnet, der gesagt hat: „Die Objekte der Welt sind hierarchisch geordnet: Atome binden sich zu DNS, DNS sich zu Molekülen, Moleküle sich zu Zellen und so weiter.“ Er kam nicht auf den |
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geschafft, wie sind Sie auf diese Idee gekommen, welcher kreative Prozess steckt dahinter?“ Ich habe es Ihnen erklärt und festgestellt, dass diese Leute immer etwas anderes erwartet haben. Meine Vorstellung von Kreativität war einfach anders. Daraufhin habe ich angefangen, mir diesen Begriff etwas genauer anzuschauen und ein Buch darüber zu schreiben. Davor habe ich sogar noch eine Vorlesung dazu gegeben, eine recht ungewöhnliche. Es kamen um die 50 Studenten, die sogar geblieben sind. Drillingsraum: Das ist schonmal ein erstes Ziel. Dr. Gerd Binnig: (lacht) Ja. Das war erstaunlich. Die Vorlesungsstunden haben wir immer erst einen Tag vorher vorbereitet. Diese Vorlesung war montags, deswegen musste der Sonntag dafür geopfert werden. Mit der Zeit hat sich dadurch eine gewisse Theorie entwickelt, da dachte ich es könnte sich lohnen, ein Buch darüber zu schreiben. Heute machen wir unsere Bildverarbeitung exakt mit dieser Theorie. Das ist sozusagen der angewandte Fraktale Darwinismus, den wir dafür verwenden. Das funktioniert hervorragend. Wir können Ergebnisse erzielen, davon können andere nur träumen. Unsere Bildanalyse ist mehr ein Verstehen als ein Analysieren, so etwas bekommen andere gar nicht hin. Es gibt in diesem Sinne niemanden, der mit uns in Konkurrenz steht. Der Wirkungsmechanismus, den wir verwenden, ist ein sehr allgemeiner. Ich glaube, dadurch kann er mehr oder weniger auf alle komplexen Systeme angewandt werden. Drillingsraum: Kreativität und Intelligenz sind unabhängig voneinander. Hochintelligente Menschen können völlig unkreativ sein und umgekehrt. Woran liegt das? Man könnte doch meinen, diese Eigenschaften würden eng miteinander verbunden sein. Dr. Gerd Binnig: Das ist richtig. Das ist eine Frage, mit der ich mich schon öfters auseinandergesetzt habe. Oft begegne ich sehr intelligenten Leuten, die nicht in der Lage sind, neue Ideen zu entwickeln und umgekehrt. Bei mir ist es eher so, dass ich im Verstehen nicht so schnell bin. Da gibt es Leute, die sind einfach besser als ich. Das bewundere ich auch: Man erzählt ihnen etwas, und die haben es sofort gefressen. Das ist bei mir nicht so. Ich brauche immer Zeit. Das liegt aber daran, weil bei mir immer die Frage im Vordergrund steht: Könnte es auch anders sein? Dieses Hinterfragen kostet Zeit. Deswegen würde man sagen, wirke ich auf manche wahrscheinlich weniger intelligent, wenn ich mit etwas Neuem konfrontiert werde. Ich taste immer den gesamten Raum ab, anstatt zu sagen: Ja, so ist es und das akzeptiere ich. Der intelligente Mensch geht folgendermaßen vor, er denkt sich: „Ja, das passt gut in die Modelle hinein, die ich bisher gelernt habe. Die |
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Drillingsraum: Man glaubt ja, Intelligenz ganz gut messen zu können. Kann man auch die Kreativität eines Menschen ermitteln? Dr. Gerd Binnig: Ich glaube, das ist viel schwieriger. Es braucht einfach länger, all diese Möglichkeiten durchzuspielen. Man kann Kreativität bestimmt messen, aber da müsste man sich sehr viel mehr Zeit nehmen. Einen solchen Test kann man nicht in einer Stunde machen, den müsste man vielleicht über eine Woche oder einen Monat machen. Drillingsraum: Ein wesentliches Element der Kreativität ist das Spiel. Dieses Interview ist also nicht wie damals ihr Studium, heute dürfen Sie anfassen. Jetzt kommt die kreative Feuerprobe: Versuchen Sie mal bitte, mit diesen Tangram-Teilen ein Dreieck zu bauen. Dr. Gerd Binnig: Ein Dreieck? Drillingsraum: Wir könnten auch sagen: Eine Kreativitätspyramide. Dr. Gerd Binnig: Aber eben in der Verpackung war es doch ein Viereck, oder? Moment, jetzt hol' ich mal meine Brille, sonst seh' ich nichts. Drillingsraum: Es war ein Viereck, ja, aber wir hätten jetzt gerne ein Dreieck. Michael Hauck (Fotograf): Ich muss dazu sagen, wir haben es gestern auch nicht geschafft. Drillingsraum: Wir können Ihnen auch ein paar Tipps geben. Nehmen Sie zuerst mal die beiden großen Dreiecke. |
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Drillingsraum: So werden also Pyramiden gebaut. Dr. Gerd Binnig: ... so gehört das hin, ja, das ist natürlich auch schwierig... (tüftelt weiter) das kann gar nicht so sein, das muss so sein. Ich habe es! Drillingsraum: Glückwunsch. Das Tangram dürfen Sie gerne behalten. Damit können Sie abschalten, wenn es im Büro wiedermal zu viel wird. In jungen Jahren ist die schöpferische, kreative Phase bei uns besonders ausgeprägt. Mit der Zeit verlieren die meisten Menschen die Fähigkeit und das Interesse, Dinge anders zu sehen, quer zu denken, Neues auszuprobieren. Wie ist das bei Ihnen, malen Sie heute noch Bilder? Dr. Gerd Binnig: Ja, ich male noch gerne. Meine Frau malt auch, sie hat sogar ein Atelier. Für mich ist das sehr bequem, da gehe ich einfach rein und kann sofort loslegen, ohne erst noch etwas wegräumen zu müssen. Ich komme gerade aus Frankreich, wo wir uns jedes Jahr eine Woche Zeit nehmen, um Skulpturen aus Marmor zu machen. Das Musizieren habe ich leider aufgegeben, weil das einfach ein Stück mehr Zeit braucht. Beim Steineklopfen sind wir eine Gruppe von zehn Leuten, das machen wir mit Freunden, was wirklich Spaß macht. Musizieren ist eben von der Zeit her schwierig. Da muss man dran bleiben, sonst ärgert man sich nur über sich selbst, weil man es nicht mehr hinbekommt (lacht). Drillingsraum: Ich will kreativer werden. Was muss ich tun? Dr. Gerd Binnig: Das ist eine gute Frage. Man muss die eigene Phantasie zulassen. Das sagt sich sehr leicht, aber ich glaube, das ist gar nicht so einfach. Denn wenn man sie zulässt, sagt einem die innere Zensur: Das ist ein verrückter Gedanke, der ist schon fast unanständig. Diese Strenge mit den eigenen Ideen muss man ausschalten. Man muss zulassen, dass man einen ziemlichen Blödsinn produziert. Mit diesem Müll zurechtzukommen, den man bei einem kreativen Prozess erzeugt, das ist ein wesentlicher Schritt denke ich. Und man muss ihn sich verzeihen können. Drillingsraum: Hat auch die Physik viel mit Kreativität zu tun? Dr. Gerd Binnig: Ja. Ich würde sagen, dass ich in meinem Beruf immer Neuland betreten habe. Die Oberflächenphysik war für mich etwas komplett Neues, genauso wie die Entwicklung der Mikroskope. Beim Kraftmikroskop waren die feinen Kräfte ein neues Thema, das mich automatisch in die Biologie geführt hat. Dort haben wir versucht, die DNS zu entschlüsseln und Experimente an lebenden Zellen mit dem Kraftmikroskop zu |
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Cognition Network Language Verfahren basiert. Ich hatte keine Ahnung von der Informatik, genauso wie ich damals keine Ahnung von der Oberflächenphysik hatte. Das rüttelt einen immer ein bisschen wach. Ich glaube, dass ich mir auf die Art und Weise meine Kreativität bewahrt habe. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie im Vergleich zu meinen jungen Jahren nachgelassen hat. So empfinde ich es zumindest, vielleicht sieht das meine Umwelt ja anders (lacht). |
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